Das Lied vom gehorsamen Mägdlein
Frank Wedekind · 1864–1918
32 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Die Mutter sprach in ernstem Ton:Du zählst nun sechzehn Jahre schon;Drum, Herzblatt, nimm dich stets in acht,Besonders bei der Nacht.Verlier dich von dem LebenspfadNie seitwärts ins Geheg,Geh immer artig kerzengrad’Den goldenen Mittelweg.
Da kommt nun in der Dämmerstund’Des Pulvermüllers Heinrich undKüßt mich – mir ward gleich angst und bang –Wohl auf die rechte Wang’:O Heinrich, das verbitt’ ich mir;Sieht’s Mutter, setzt es Schläg’.Am allerbesten wählen wirDen goldenen Mittelweg.
Und plötzlich schreit er glutentflammt:Ich führe dich zum Standesamt! –Schweig, sag’ ich, unverschämter Wicht;Dahin bringst du mich nicht! –Da flüstert er und freut sich schier,Weil ich’s mir überleg’:Nun gut, mein Schatz, dann wählen wirDen goldenen Mittelweg.
Und wenn ich nun zur Ruh’ mich leg’,Mir träumt vom goldenen Mittelweg;Mein Spielzeug macht mir kein Pläsier,Ich gäb’ es gern dafür,Gäb’ meine Schuh’, mein Röcklein fein,Weiß Gott, ich gäb’ noch mehr;Hätt’ nie geglaubt, daß ich solch einGehorsam Mägdlein wär’.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die vier Jahreszeiten, 1. Auflage, Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das Lied vom gehorsamen Mägdlein“, Fassung 2.572.780 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Frank Wedekind starb 1918; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1988 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118629867 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.