Christine
Frank Wedekind · 1864–1918
36 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Bessern soll ich mich? – O Himmel,Wie werd’ ich wohl besser!Eher reiten schwarze SchimmelWeiße Menschenfresser,Eh’ daß solch ein Kauz wie ichIn sich geht und bessert sich.
Nein, mein Fräulein, ich verzichteAuf die Tugendpalme;Schreibe meine MordgedichteTief im Tabaksqualme,Bis der Satan kommt und spricht:Fort mit dir, du Bösewicht!
Ja, der Teufel wird mich holenFrüher oder später,Und ich Ärmster muß verkohlenUnter Schmerzgezeter;Haut und Haar und Fleisch und Bein,Alles muß gebraten sein.
Sie indessen wandeln lieblichIn der Engel Scharen,Blumen tragend, wie dort üblich,In gelockten Haaren,Und das ganze AngesichtAngestrahlt vom Himmelslicht.
Sehn Sie nun, wie weit geschiedenUnsre beiden Pfade:Ihnen eines Gartens Frieden,Mir die Barrikade,Wo man sich bei jedem SchrittAuf die Hühneraugen tritt.
Ihnen freundliche Erbarmung,Mir der Waffen BlinkenUnd des wilden Bärs Umarmung,Ihnen seine Schinken,Mir des Feinds entmenschter Streit,Ihnen seine Menschlichkeit!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die vier Jahreszeiten, 1. Auflage, Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Christine“, Fassung 3.780.128 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Frank Wedekind starb 1918; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1988 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118629867 der Deutschen Nationalbibliothek.
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