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Versbuch

Bacchus in Bünden

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

49 Zeilen in 13 Strophen · zuerst gedruckt 1882

Baccchus in Bünden.

Wo stürzend aus rätischen Klüften der RheinUm silberne Hüften sich gürtet den Wein,Ziehn paukende Masken mit Cymbelgeläut:„Du Traube von Trimmis, dich wimmeln wir heut!“

Sie treten den Reigen, sie stampfen den Chor,Da dunkelt’s und lodern die Fackeln empor:Ein Kranz in den Lüften! Ein wirbelndes Paar!Ein brennender Nacken! Ein purpurnes Haar!

Die Fackeln verlöschen. Es hebt sich der GlanzDes schimmernden Monds und vergeistert den Tanz —Ein adliger Jüngling von fremder GestaltBemeistert den Reigen mit Herrschergewalt.

Er schwebt in der Mitte bekränzt und alleinMit leuchtenden Füßen in himmlischem Schein,Die Schulter umflattert getigertes Fell,Er trägt einen Scepter, der kühne Gesell.

Er neigt ihn vor Irma, der träumenden Maid:„In nachtdunkle Haare taugt blitzend Geschmeid!“Er greift in den Himmel mit mächtiger Hand,Er raubt aus den Sternen ein flimmerndes Band:

Schön Irma schwebt hin mit dem Krönlein von Licht,Als fesselte fürder die Erde sie nicht,Er schwingt ihr zu Häupten den Thyrsus umranktMit üppigem Laube, von Trauben umschwankt...

Zwölf Schläge verkünden die Mitte der Nacht.Der Reigen ermüdet. Das Fest ist vollbracht!„Herunter die Masken! So will es der Brauch!Du Führer des Reigens, entlarve dich auch!

Wir sind unser zwanzig, und voll ist die Zahl!Wer bist du, der frech in die Gilde sich stahl?Ein Gaukler? Ein Zaub’rer? Sprich wie du dich nennst!Sonst fürcht’ unsre Messer, bist du kein Gespenst!“

Ein Mönchlein, ein zechend entschlafnes, wird reg:„Wer bist du? Der Satan? Dir weis’ ich den Weg!“Er zeichnet ein Kreuz. „Nun entmumme dich nur!Ich bin der gelehrte Pancrazi von Cur!“

Der Jüngling entlarvt ein von Eppich umlaubt,Ein hohes, ein mildes, ein gnädiges Haupt:„Zu Füßen dem Herrscher, vermessen Gesind!Ich bin Dionysus, des Donnerers Kind!“

Er lächelt dem Mönch in das feiste Gesicht:„Silenos, Silenos, verleugne mich nicht!Mich hat seine Gnaden, der Bischof, gebanntUnd ist doch mein treu’ster Bekenner im Land.

Weinfröhliche Räter, etrurisch Geschlecht,Ihr habt schon am Reno gehörig gezecht,Doch hüben am Rhein in germanischer MarkBezecht ihr euch doppelt und dreimal so stark!“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, Seite 93–95, 1. Auflage, H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Bacchus in Bünden“, Fassung 2.363.526 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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