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Versbuch

Die verstummte Laute

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

48 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1882

Sie mochte gern an seiner Schulter lehnenIn einem weichen Abenddämmerlicht,Sie barg vor ihm das Rieseln ihrer Tränen,Den halbenthüllten Reiz der Seele nicht:„Freund, einz’ger Freund auf diesem düstern Eiland,Ich welke! Chastelard, auch du bist bleich!Schlag deine Laute! Singe mir von weiland!Von meinem ersten Königreich!“

Er stürmte durch die Saiten: „Jener TageIns Meer gesunkne Sonnen sind verblaßt!Maria Stuart! Ich erhebe Klage,Daß du geschluchzt an meinem Herzen hast!Mit deinen Zähren bade hier dem reinen,Entseelten Gott die Marmorfüße bleich –Weib, sündlich ist’s vor einem Menschen weinenMit diesen Augen warm und weich!

Was war ich dir? Der nichtige Vertraute!Ein Echo, das von deinen Seufzern scholl!Ein Spiegel, drin sie eitel sich beschaute,Die Zähre, die dir an der Wimper quoll!War dir die Laute nur, darauf zu breitenDie Fingerspitzen, und ich hallte schön –Ich hasse dich!“ Er riß entzwei die SaitenMit einem gellen Mißgetön.

Er floh davon hinaus in Wald und Wildniß,Doch wo er lechzend schlürft’ aus einem Quell,Sah er im Brunnen ein geliebtes BildnißAus naher Tiefe schimmern dunkel hell,Sah er ein blasses Angesicht in Zähren,Es schwand und blickte wiederum empor,Von Sehnen und Erfüllen und GewährenRauscht’s um den Born in Schilf und Rohr.

„Maria!“ so beginnt in ihrer KammerAm Lager knieend sie das Nachtgebet,„Maria!“ wiederholt voll Glut und JammerEin Mund, der neben ihr im Dunkel fleht.Sie schreit. Man kommt. Von Fackelglut umlodertBebt sie vor Zorn: „Ein Mörder! fesselt ihn!“Er lächelt: „Bist du schön!“ UnaufgefordertGiebt er den Schergen sich dahin.

Er schreitet seinem Blutgerüst entgegenIn einem klaren kühlen Morgenrot,Ins Ohr des Sünders flüstert angelegenEin Capuziner, der vermummte Tod:„Freund du bekommst es gut! Du wirst entlastet!Ich absolvire dich von Lust und Pein!Von keiner weichen weißen Hand betastet,Wirst du die stumme Laute sein!“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte S. 316–317, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die verstummte Laute“, Fassung 3.579.495 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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