Einer Todten
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
24 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Wie fühl’ ich heute deine Macht,Als ob sich deine Wimper schatteVor mir auf diesem ampelhellen BlatteUm Mitternacht!Dein Auge siehtBegierig mein entstehend Lied.
Dein Wesen neigt sich meinem zu,Du bist’s! Doch deine Lippen schweigen,Und liesest du ein Wort, das zart und eigen,Bist’s wieder du,Dein Herzensblut,Indeß dein Staub im Grabe ruht.
Mir ist, wann mich dein Athem streift,Der ich erstarkt an Kampf und Wunden,Als seist in deinen stillen GrabestundenAuch du gereiftAn Liebeskraft,An Willen und an Leidenschaft.
Die Marmorurne setzten dirDie Deinen – um dich zu vergessen,Sie erbten, bauten, freiten unterdessen,Du lebst in mir!Wozu beweint?Du lebst und fühlst mit mir vereint!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 171, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Einer Todten (Meyer)“, Fassung 3.728.310 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.