Die wunderbare Rede
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
65 Zeilen in 13 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Auf der Appierstraße zieht ein HeerSchnellen Schrittes, weit umwölkt von Staub.Weiß am Horizont das Häusermeer –„Rom ist morgen euer!“ zeigt Sever.„Flieget, Adler! Stoßt auf euren Raub!“
Morgen? Rom sorgt sich um morgen nicht.„Die Gladiatoren spielen heut!“Weiber schmücken sich. Orestes ficht!Manch unheimlich brennend AugenlichtBlitzt im Spiegel, den die Sklavin beut.
Sänften hasten zum Theater schon,Von Gewitterwolken überjagt,Schwüle Blicke, die wie Fackeln lohn,Finst’rer Brauen ungeduldig Drohn –Giebt’s ein Morgen? Spiel ist angesagt!
Ueber Dach und Zinne ragt emporHimmelhoch ein riesenstarker Bau,Der ein Volk empfängt durch manches Thor.Hinter seinem Mauerkranz hervorSteigt es schwarz und schwärzer auf im Blau.
Drinnen drängen sie sich Sitz an Sitz,Jede Stufe strotzt und wogt und schwillt.Auf der Bühne züngeln hell und spitzKurze Schwerter. Schimmernd flirrt ein BlitzUnd ein erster Sprudel Blutes quillt.
Starren Blickes, blaß vor Leidenschaft,Lauert vorgeneigt die RömerinAuf die Sterbewunde – Eine gafftLüstern. Eine sinnt dämonenhaft.Eine lauscht mit hartem Mördersinn.
An der rasch gedrehten Klingen SpielHaften Seelen gierig, ohne Zahl –Traf der Stoß? Er saß. Ein Fechter fiel,Wälzt sich um im Sand und ist am ZielNach der kurz empfundnen Sterbequal.
Mark und Herz erschütternd gellt ein Schrei!Dort auf dem Balkon ein Weib im Traum!Um die Schultern wehn die Haare freiUnd als ob sie die Sibylle sei,Ruft sie ehern durch den vollen Raum:
„Wehe morgen! Fechter, du bist tot!Gute Fahrt! Dir thun sie nichts zu leid!Morgen wehe! Horch! Die Tuba droht!Eine weite Flamme weht und loht!Wehe! Sie zerreißen mir das Kleid!“
In das Morgen blickt sie voller Graun,Schaudernd wie vor Blutes tiefem Strom,Denn ihr Auge kann das Künft’ge schaun –Es ist keine von den ird’schen Fraun!Es ist Rom! Es ist die Göttin Rom!
Vor dem Volk auf hoher Stufe ragtRom die Herrin in versteintem Schmerz,Rom, vor welcher einst die Welt gezagt,Jetzt die wunde, die geschlagne Magd!Leid und Mitleid füllen jedes Herz.
Durch die Menge geht ein Flüstern leis,Eine Rede schwirrt und irrt und rauscht,Flutet höher, höher stufenweis,Braust wie Meeresbrandung, füllt den Kreis,Jeder spricht sie mit und Jeder lauscht:
„Schande! Brandmal! Striemen! Sklavenjoch!Wehe! Sie zerreißen Dir das Kleid!Ach wie lange noch, wie lange noch?Stürbest, Göttin Roma, stürbst du doch!Aber du bist voll Unsterblichkeit!“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 213-215, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die wunderbare Rede“, Fassung 3.580.955 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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