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Versbuch

Die Gaukler

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

48 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1882

Am Strande des Gelobten LandsIn glühem Stich des SonnenbrandsKämpft Ludowig der Fromme;Er trägt in sich des Todes Keim,Ihm ahnt es, dass er nimmer heimIns schöne Frankreich komme.

Scheu lauscht in Zeltes DämmerscheinEin junger Edelknecht hereinUnd hinter ihm die andern:„Herr König, es sind Gaukler da,Drei Brüder aus Armenia,Die nach dem Grabe wandern.

Es heißt, sie spielen wunderschön!Erlaubt ein frisches HorngetönUns allen anzuhören!“Der König seufzt: „Betrug der Welt!Bringt mir die Gaukler in das Zelt,Daß sie euch nicht bethören!“

Jetzt heben an den Mund die DreiDas Horn und spielen frank und frei,Als ging’ es aus zum Jagen.Dann wie ein Quell im Walde quillt,So rieselt sanft und wächst und schwilltEin Jubeln und ein Klagen.

Gemach vertönt der Hörner Schall,Laut ruft Renaud von Reineval:„Du Herzenstrost der Minne!Lucinden, die sich um mich kränkt,In Treuen ihres Pilgers denkt,Sah ich auf stiller Zinne!“

„Ich schaute“, fällt jung Walter ein,„In meinem Teich den WiederscheinVon Eichen kühl und düster,Ich sah mein Boot, der Ruder bar,Das halb ans Land gezogen war,Umneigt von Schilfgeflüster!“

Ein Jeder hat im HorneslautSein Herz belauscht, sein Lieb geschaut,Sein Minnen und sein Sehnen.– „Herr König, sagt, was sinnet Ihr?Was sehnet Ihr? Was minnet Ihr?Was rinnen Euch die Thränen?“

Herr Ludwig flüstert: „Sel’ger Traum!Mich hoben durch den HimmelsraumAngelische Gestalten.„Getreuer Knecht willkomm!“ erschollEin Ruf – ich konnte wonnevollDie Thränen nicht verhalten.“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 229-230, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Gaukler“, Fassung 3.507.045 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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