Die Gedanken des Königs René
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Der fromme Lautenschläger Herr RenéTrug braune Locken – sie sind weiß wie Schnee.An seiner Stirn verglomm der Kronen Glanz,Da haftet nichts als nur ein Lorbeerkranz.
Schloß Tarascon – er bietet’s zum Verkauf –Dran spritzt die blaue Rhone scherzend auf,Von hoher Warte wandert rings der BlickDer König wägt als Denker sein Geschick:
„S’ist eigen daß man immer mich vertreibt!S’ist eigen daß mir nichts in Händen bleibt!Lothringen erbt’ ich, wo die Trift sich sonnt,Das nahm mir weg Anton von Vaudemont.
Dann erbt’ ich flugs das Fürstentum AnjouUnd noch das nette Ländlein Bar dazu –Herr König Ludwig trat in mein GelaßAls Gast und schrieb mir meinen Wanderpaß.
Reich Napel war’s, das dann zu Erb mir fiel,Dort mischte sich der Aragon ins Spiel –Das schöne Napel! Richtig werd’ ich schlemm!Mir bleibt das himmlische Jerusalem!
Da schimmert unvergänglich Dach und Fach –Ich erb’ es schon. Das Erben ist mein Sach!Doch geht mein Sach, wie hier, so droben dort,Holt aus dem Himmel mich der Teufel fort.“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 243, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Gedanken des Königs René“, Fassung 3.507.072 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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