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Versbuch

Die gezeichnete Stirne

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

36 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1882

„Weib, verrathe mir, von wem gerufenDu zur Leidgesellin dich gegeben?Wer herunter dieses Kerkers StufenDich gezogen, du mein süßes Leben?“

– König Enzio, keine Menschen habenMich vermocht im Kerker zu verbleichen!Nein, ein Schicksal war mir eingegraben,Meine junge Stirne trug ein Zeichen.

Unsre Väter nahmen dich gefangenUnd wir Kinder hatten’s bald erfahren,Dass du nimmer wirst ans Licht gelangen,König Enzio mit den Ringelhaaren!

Daß du nimmer tragen eine helleRüstung wirst, wo die Drommeten klingen,Daß du nimmer rauschen Wald und QuelleHörst, noch einen freien Vogel singen!

Und wir Kinder lauschten sachte, sachteDurch das Gitter in des Kerkers Tiefe,Leis und heftig streitend, ob Er wachteSchwerbekümmert oder ob Er schliefe –

Meine Stirne drückt’ ich an das Eisen,Drinnen lagst du schlummernd, wie mir deuchte,Blickte … blickte, war nicht wegzuweisen,Bis der Wächter drohend mich verscheuchte.

Mütterlein ersah mich und wehklagte,Schlug die Hände jammervoll zusammen:„Kind, wer hat dir in die Stirne“ – fragteSie – „gezeichnet dieses Kreuz von Flammen?“

Hieß mich dann in ihren Spiegel schauen –Theuer werther Herr, so wahr ich lebe,Eingezeichnet über meinen BrauenWaren deines Kerkers Eisenstäbe!

Außen wich das Zeichen; aber innenBlieb’s, da ich zur Maid erwuchs, geschrieben –Herr, seit jenem Tag war all mein SinnenDich und deinen Kerker nur zu lieben.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 241–242, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die gezeichnete Stirne“, Fassung 3.508.792 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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