Die Jungfrau
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Wo sah ich, Mädchen, deine Züge,Die droh’nden Augen, lieblich, wild,Noch rein von Eitelkeit und Lüge?Auf Buonarotti’s großem Bild:
Der Schöpfer senkt sich sachten FlugesZum Menschen, welcher schlummernd liegt,Im Schoße seines MantelbugesRuht himmlisches Gesind geschmiegt:
Voran ein Wesen nicht zu nennen,Von Gottes Mantel keusch umwallt,Des Weibes Züge, zu erkennenIn einer schlanken Traumgestalt.
Sie lauscht, das Haupt hervorgewendet,Mit Augen schaut sie tief erschreckt,Wie Adam Er den Funken spendetUnd seine Rechte mahnend reckt.
Sie sieht den Schlumm’rer sich erheben,Der das bewußte Sein empfängt,Auch sie sehnt dunkel sich zu leben,An Gottes Schulter still gedrängt –
So harrst du vor des Lebens Schranke,Noch ungefesselt vom Geschick,Ein unentweihter Gottgedanke,Und öffnest staunend deinen Blick.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Jungfrau“, Fassung 3.513.789 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.