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Versbuch

Die Karyatide

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

20 Zeilen · zuerst gedruckt 1882

Im Hof des Louvre trägt ein WeibDie Zinne mit dem Marmorhaupt,Mit einem allerliebsten Haupt.Als Meister Goujon sie geformtIn feinen Linien, überschlank,Und stehend auf dem BaugerüstDie letzte Locke meißelte,Erschoß den Meister hinterrücks(Am Tag der Saint-Barthélemy)Ein überzeugter Katholik.Vorstürzend überflutet’ erDen feinen Busen ganz mit Blut,Dann sank er rücklings in den Hof.Die Marmormagd entschlummerteUnd schlief dreihundert Jahre lang,Ein Feuerschein erwärmte sie(Am Tag, da die Commüne focht)Sie gähnt’ und blickte rings sich um:Wo bin ich denn? In welcher Stadt?Sie morden sich. Es ist Paris.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte S. 320, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Karyatide“, Fassung 3.514.304 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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