Die gefesselten Musen
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
32 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Es herrscht’ ein König irgendwoIn Dazien oder Thrazien,Den suchten einst die Musen heim,Die Musen mit den Grazien.
Statt milden Nectars RebenblutGeruhten sie zu nippen,Die Seele des Barbaren hingAn ihren sel’gen Lippen.
Erst sang ein jedes HimmelskindIm Tone, der ihm eigen,Dann schritt der ganze Chor im TactUnd trat den blüh’nden Reigen.
Der König klatschte: „Morgen willIch wieder euch bestaunen!“Die Musen schüttelten das Haupt:„Das hangt an unsern Launen.“
„An euern Launen? …“ Der DespotBegann zu schmähn und lästern.„Ihr Knechte,“ schrie er, „Fesseln her!“Und fesselte die Schwestern.
Der König wacht’, um MitternachtVernahm er leises Schreiten,Geflüster: „Seid ihr alle da?“Und Schüttern zarter Saiten.
Er fuhr empor. „Den hellen ChorErgreift, getreue Wächter!“Die Schergen griffen in die LuftUnd silbern klang Gelächter.
Am Morgen war der Kerker leer,Der Reigen über die Grenze –Drin hingen statt der Ketten schwerZerrißne Blumenkränze.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 31f., 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die gefesselten Musen“, Fassung 3.507.861 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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