Zum Inhalt springen
Versbuch

Treu-Lischen

Theodor Fontane · 18191898

32 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1905

„Mein Lischen, stell das Weinen ein,Auf Regen folgt ja Sonnenschein,Ich kehr’ mit Schwalb’ und FliederUnd wohl noch früher wieder.“

Der Bursche sprach’s. Vom GiebeldachSah ihm Treu-Lischen lange nach,Bis Hoffnung wiederkehrteUnd ihren Thränen wehrte.

Die Aeuglein wurden wieder klar,Das Herze jeden Kummers bar,Sie wußte: mit dem FliederKam ihr der Liebste wieder.

Der Frühling kam mit Duft und Klang,Treu-Lischen harrte mondenlang,Herbstwind durchfuhr den Garten, –Vergeblich war ihr Warten.

Wohl kam der Frühling viele Mal,Ihr Liebster nimmermehr in’s Thal,Doch Lenz um Lenz auf’s NeueRief sie: „nun kommt der Treue!“

Es konnt’ ihr Herz, das Jahr um JahrDem Liebsten treu geblieben war,Es konnt’s ihr Herz nicht fassen,Er habe sie verlassen.

Grau ward ihr Haar, welk ihr Gesicht,Das Alter kam, sie wußt’ es nicht,Ihr Hoffen und ihr Lieben,Ihr Herz war jung geblieben.

Und als der Tod sie heimgeführt,Hat ihn das treue Herz gerührt,Und mit des Liebsten MienenIst er vor ihr erschienen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, Seite 211–212, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Treu-Lischen (Fontane)“, Fassung 3.493.854 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Theodor Fontane

Alle Gedichte von Theodor Fontane ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Realismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.