Zum Inhalt springen
Versbuch

Der Musensaal

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

80 Zeilen · zuerst gedruckt 1882

Jüngst trug ein Traum auf dunkler Schwinge michNach Rom der ew’gen Stadt. Den VaticanBetrat ich. Ich betrat den MusensaalVerwundert, denn er war ein andrer heut,Als ich geschaut mit jungen Augen ihn,Da Pio Nono höchster Priester war.Verschwunden aus dem edeln Octogon,Dem kuppelhellen, war der Musaget,Apollo, der die Cither zierlich schlug,Voranzugehn dem Chor tanzmeisterlich.Die Neune saßen oder standen nichtUmher vertheilt in schönen Stellungen –In wilder Gruppe schritten eilig sie,Wie Schnitterinnen, die auf blachem FeldEin leuchtendes Gewitter überrascht:Voran die blutige Melpomene,Die an den Söhnen rächt der Vater Schuld.Sie trägt das Schwert und auch den Kranz von Wein.„Ein Reich“, so jubelt sie, „zerstör’ ich jetzt!Das Feuer knistert unter seinem Thron!Die nordische Barbarin preßt den Fuß,Den plumpen, auf den Nacken eines Weibs,Das schmerzenreicher blickt als Niobe –Sklavin, empor! Zerbrich die Fessel! WirfDie grinsende Barbarin in den Staub! …“So jauchzt die blutige Melpomene –Wer schreitet, schlicht gewandet, neben ihr?Kalliope, die keusch und kindlich blickt,Die den erblindeten Homer geführt,Die tapfre Helden liebt und SchildgetosUnd Rossgestampf und dann abseits der SchlachtIn jugendzartem Busen Loose wägt –Mit beiden Armen in die Ferne grüßtSie jetzt: „Behelmte! Blonde Herzogin!Ins rauhe Heerhorn stößest du mit Macht!Erzklirrend springen dir die Söhne auf!Die Völker richtest und beherrschest du,Gerechte Herrin, beilgewalt’ge Frau!“Weithallend redet jetzt ein mächtig Paar,Terpsichore und Polyhymnia:„Der Tag ist fern und er erfüllt sich doch:Die Völker schreiten einen Reigen einst,Sich an den Händen haltend, frei gesellt,Vieltausendstimmig dröhnt der Chorgesang!“– „Dann weicht das Leid! Nicht alles, aber dochDas meiste Leid!“ Euterpe flötet es,Das liebliche Geschöpf, die Schmeichlerin!– „Dann füllt“, Erato lacht’s mit blüh’ndem Mund,Die schöne Schelmin, die das Liebeslied,Das Zechlied für allein unsterblich hält,„Dann füllt ein Jeder seine Schaale sichMit duft’gem Wein und schlürft und Keiner darbt“ –„Thörinnen!“ gellt ein scharfgeschnittner Mund,„Verspotte sie, mein Aristophanes! …Doch eure Kampfgesellin bin ich auch!Ich morde lachend, was nicht sterben kann!Im Angesicht den hippokrat’schen ZugZeig’ ich der selbstgefäll’gen GegenwartMit meinem Spiegel, der getreu verzerrt,Die Prahlerei der Zeit zerreißt mein HohnIn trunkner Lust, wie die Bacchante jachEin Zicklein oder Reh in Stücke reißt.Mordlust’ger bin ich noch und tragischerAls du, mein Schwesterchen Melpomene,Denn du erhellest unter Zähren dich,Doch mein Gelächter, Thränen schluchzen drin!“Thalia rief’s und unterm EpheukranzVerlarvte mit der Satyrmaske sieDie wehmuthvoll ergriffnen Züge sichUnd hob mit nerv’gem Arm das Tympanum.Die letzte wandelt noch Urania,Die Gläubige mit dem gehobnen Blick(Die andern heißen sie die Schwärmerin),Doch trennt sie sich von den Geschwistern nicht.Sie sieht den Sturm der Erdendinge ruhnIn friedevollen Händen immerdar –Aufflattert das Gewand! Die Locken wehn!Ein Sturm erbraust! Die Säule birst entzwei!Die Kuppel bricht! In leuchtend tiefem BlauEntfesselt schwebt der Musenchor einher.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 131-134, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Musensaal“, Fassung 3.436.783 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Conrad Ferdinand Meyer

Alle Gedichte von Conrad Ferdinand Meyer ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Realismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.