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Versbuch

Cäsar Borja’s Ohnmacht

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

68 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1882

Wer bin ich? Einer welcher unterging,Den Kranz im Haar, den Becher in der Faust,Mit einem herculanischen GelagVon einem ungeheuren Sturz bedeckt?Ich weiß den Becher nur und meinen Sturz …Im Belvedere … Gestern … Am Bankett …Den Becher, ihn kredenzte schlürfend mirDer Papst, der ewig heiter lächelnde,Denn Cäsar Borja bin ich, Sohn des Papsts!

Die Ampel über meinem Lager kämpftMit eines neuen Tages fahlem Schein …Ob’s gestern oder ehegestern war,Ich weiß es nicht, doch eines weiß ich wohl:In jenem Becher gor der Borja Gift.Er galt dem Gast, dem Bischof. Selbst gewürztHat sich der Vater ew’gen Schlummers Trunk!Ein Becher ward verwechselt. Warum nicht?Verrath des Schenken? Zufall? … Es geschah.Ich lebe. Meine Drachenkraft bezwangDas Drachengift. Die Stunde ruft. Zur That!Leer steht ein Thron, und eine Krone rollt.Verbraucht ist das Apostelmärchen. WegDamit. Der Vater war der letzte Papst!Ein König folgt ihm nach, und der bin ich.Entscheidungsstunde, nicht erschreckst du mich,Ich habe lange dich voraus bedacht:Entlarve mir dein kühnes Angesicht!Du heißest Heute! Kämmrer, gieb das Schwert!Reif stehn die Ernten und die Sichel blitzt.Marsch, meine Banden! Richtet das GeschützAuf des Conclave Kammern! Suchst du mich,Hauptmann? Im Borgo, sagst du, wird gekämpft?Ich komme! Ich vertausendfache mich!Ich steige mordend auf das CapitolUnd mit Italiens Krone krön’ ich mirDies Haupt, das seine Frevel überragt!

Ich träume nur und komme nicht vom Platz.Sturmlaufend bleib’ ich eingewurzelt stehn.Gelähmte Sehnen! Meuchlerisches Gift!Auf einem Krankenlager krümm’ ich mich.Kein Diener hier! Kein Arzt an meinem Pfühl!Miethlinge! Meine Stunde schwebt vorbei,Mit flieh’ndem Fuß berührt sie spottend mirDie Faust, die ein erdichtet Schwert umkrampft.Verweile, Schicksalsstunde! … Doch sie schwebt.Ich fühle meiner Feinde heimlich Werk:Sie schaufeln, sie miniren, während ichGeschleudert aus der Schranke liege … Dort!Die grüne Feuerkugel! Ein SignalVon meinen Banden? Nein, ein MeteorZuckt flüchtig durch die schwüle Sommernacht.Hier über Roma’s Kuppeln loht es auf:Nahn fackelschwingend meine Banden sich?Nein, es ist Borja’s Glück das flammt und brenntUnd seine Zinnen stürzen! Wehe mir!Dem Valentino netzt die Wimper sich …Pfui! Ist das eines Weibes Augenlid?

Verzweiflung! Göttin! Stähle meinen Leib!Ich winde mich von meinem Lager auf,Ich schreite … Keiner sieht’s … Ich schreite. BeiDer nackten Hölle, Sehnen, strammet euch! …Verdammniß! … Wieder lieg’ ich hingestreckt …Und ein erdolchter Knabe fesselt michMit Ringen an den Stein … Dort gafft ein Weib,Die Haare triefend, mit geschwollnem Hals …Blutlose Brut! Weg in des Tibers Grab! …Aus allen Wänden quillt es schwarz hervorUnd dunkelt über mir … Unsagbar Graun …

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 292–294, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Cäsar Borja’s Ohnmacht“, Fassung 2.186.370 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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