Zum Inhalt springen
Versbuch

Der arme Greis

Christian Fürchtegott Gellert · 17151769

65 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1769

Um das Rhinoceros zu sehn,(Erzählte mir mein Freund,) beschloß ich auszugehn.Ich gieng vors Thor mit meinem halben Gulden,Und vor mir gieng ein reicher reicher Mann,Der seiner Miene nach, die eingelaufnen Schulden,Nebst dem, was er damit die Messe durch gewann,Und was er, wenns ihm glücken sollte,Durch den Gewinnst nun noch gewinnen wollte,In schweren Ziffern übersann.

Herr Orgon gieng vor mir, (ich geb ihm diesen Namen,Weil ich den seinen noch nicht weis:)Er gieng; doch eh wir noch zu unserm Thiere kamen,Begegnet uns ein alter schwacher Greis,Für den, auch wenn er uns um nichts gebeten hätte,Sein zitternd Haupt, das nur halb seine war,Sein ehrlich fromm Gesicht, sein heilig graues HaarMit mehr als Rednerkünsten redte.Ach! sprach er, ach erbarmt euch mein!Ich habe nichts, um meinen Durst zu stillen,Ich will euch künftig gern nicht mehr beschwerlich seyn;Denn Gott wird wohl bald meinen Wunsch erfüllen,Und mich durch meinen Tod erfreun:O lieber Gott! laß ihn nicht ferne seyn!

So sprach der Greis; allein was sprach der Reiche?Ihr seyd ein so bejahrter Mann,Ihr seyd schon eine halbe Leiche,Und sprecht mich noch um Geld zum Trinken an?Ihr unverschämter alter Mann!Müßt Ihr denn noch erst Brandwein trinken,Um taumelnd in das Grab zu sinken?Wer in der Jugend spart, der darbt im Alter nicht. – – –Drauf gieng der Geizhals fort. Ein Strom schamhafter ZährenFloß von des Alten Angesicht. – – –O Gott! du weißts! Mehr sprach er nicht.Ich konnte mich der Wehmuth kaum erwehren,Weil ich etwas mitleidig bin.Ich gab ihm in der Angst den halben Gulden hin,Für welchen ich die Neugier stillen wollte,Und gieng, damit er mich nicht weinen sehen sollte:Allein er rufte mich zurück.Ach! sprach er mit noch nassem Blick,Ihr werdet euch vergriffen haben,Es ist ein gar zu großes Stück.Ich bring euch nicht darum, gebt mir so viel zurück,Als ich bedarf, um mich durch etwas Bier zu laben!Ihr, sprach ich, sollt es alles haben,Ich seh, daß ihrs verdient; trinkt etwas Wein dafür.Doch, armer Greis, wo wohnet ihr?Er sagte mir das Haus. Ich gieng am andern TageNach diesem Greis, der mir so redlich schien,Und that im Gehn schon manche Frag an ihn.Allein, indem ich nach ihm frage,War er seit einer Stunde todt.Die Mien auf seinem SterbebetteWar noch die redliche, mit der er gestern redte.Ein Psalmbuch und ein wenig BrodtLag neben ihm auf seinem harten Bette.O! wenn der Geizhals doch den Greis gesehen hätte,Mit dem er so unchristlich redte,Und der vielleicht ihn itzt bey Gott verklagt,Daß er vor seinem Tod ihm einen Trunk versagt.

So sprach mein Freund und bat, die Müh auf mich zu nehmen,Und öffentlich den Geizhals zu beschämen.Wiewohl ein Mann, der sich zu keiner PflichtAls für das Geld versteht, der schämt sich ewig nicht.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Zweytes Buch. S. 142–144, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der arme Greis“, Fassung 4.463.327 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Christian Fürchtegott Gellert

Alle Gedichte von Christian Fürchtegott Gellert ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Aufklärung

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.