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Versbuch

Damötas und Phyllis

Christian Fürchtegott Gellert · 17151769

66 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1769

Damötas war schon lange ZeitDer jungen Phyllis nachgegangen;Noch konnte seine ZärtlichkeitNicht Einen Kuß von ihr erlangen.Er bat, er gab sich alle Müh;Doch seine Spröde hört ihn nie.

Er sprach: Zwey Bänder geb ich dir.Auch soll kein Warten mich verdriessen;Versprich nur, schöne Phyllis, mir,Mich diesen Sommer noch zu küssen.Sie sieht sie an, er hofft sein Glück;Sie lobt sie, und giebt sie zurück.

Er bot ein Lamm, noch zwey darauf,Dann zehn, dann alle seine Heerden.So viel? Dieß ist ein theurer Kauf.Nun wird sie doch gewonnen werden?Doch nichts nahm unsre Phyllis ein;Mit finstrer Stirne sprach sie: Nein!

Wie? rief Damötas ganz erhitzt,So willst du ewig widerstreben?Gut, ich verbiete dir anitzt,Mir jemals einen Kuß zu geben.O! rief sie, fürchte nichts von mir,Ich bin dir ewig gut dafür.

Die Spröde lacht; der Schäfer geht,Schleicht ungeküßt zu seinen Schafen.Am andern Morgen war DamötBey seinen Heerden eingeschlafen;Er schlief, und im VorübergehnBlieb Phyllis bey dem Schäfer stehn.

Wie roth, spricht Phyllis, ist sein Mund!Bald dürft ich mich zu was entschliessen.O! thäte nicht sein böser Hund,Ich müßte diesen Schäfer küssen.Sie geht; doch da sie gehen will,So steht sie vor Verlangen still.

Sie sieht sich dreymal schüchtern um,Und sucht die Zeugen, die sie scheute;Sie macht den Hund mit Streicheln stumm,Und lockt ihn freundlich auf die Seite;Sie sinnt, bis daß sie ganz verzagtSich noch zween Schritte näher wagt.

Hier steht nunmehr das gute Kind;Allein sie kann sich nicht entschliessen.Doch nein, itzt bückt sie sich geschwind,Und wagts, Damöten sanft zu küssen.Sie giebt ihm drauf noch einen Blick,Und kehrt nach ihrer Flur zurück.

Wie süße muß ein Kuß nicht seyn!Denn Phyllis kömmt noch einmal wieder,Scheint minder sich, als erst, zu scheun,Und läßt sich bey dem Schäfer nieder;Sie küßt, und nimmt sich nicht in Acht;Sie küßt ihn, und Damöt erwacht.

O! fieng Damöt halb schlafend an,Misgönnst du mir die sanfte Stunde?Dir, sprach sie, hab ich nichts gethan,Ich spielte nur mit deinem Hunde;Und überhaupt, es steht nicht fein,Ein Schäfer und stets schläfrig seyn.

Jedoch, was giebst du mir, Damöt?So sollst du mich zum Scherze küssen.Nun, sprach der Schäfer, ists zu spät,Du wirst an mich bezahlen müssen.Drauf gab die gute SchäferinnUm Einen Kuß zehn Küsse hin.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 52–54, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
Digitalisat
de.wikisource.org — „Damötas und Phyllis“, Fassung 4.463.365 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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