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Versbuch

Der Fuchs und die Elster

Christian Fürchtegott Gellert · 17151769

42 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1769

Zur Elster sprach der Fuchs: O! wenn ich fragen mag,Was sprichst du doch den ganzen Tag!Du sprichst wohl von besondern Dingen?Die Wahrheit, rief sie, breit ich aus.Was keines weis heraus zu bringen,Bring ich durch meinen Fleiß heraus,Vom Adler bis zur Fledermaus.

Dürft ich, versetzt der Fuchs, mit Bitten dich beschweren:So wünscht ich mir, etwas von deiner Kunst zu hören.

So, wie ein weiser Arzt, der auf der Bühne steht,Und seine Künste rühmt, bald vor, bald rückwärts geht,Ein seidnes Schnupftuch nimmt, sich räuspert, und dann spricht;So lief die Elster auch den Ast bald auf, bald nieder,Und strich an einen Zweig den Schnabel hin und wieder,Und macht ein sehr gelehrt Gesicht.Drauf fängt sie ernsthaft an, und spricht:Ich diene gern mit meinen Gaben,Denn ich behalte nichts für mich.Nicht wahr, Sie denken doch, daß Sie vier Füße haben?Allein, Herr Fuchs, Sie irren sich.Nur zugehört! Sie werdens finden,Denn ich beweis es gleich mit Gründen.

Ihr Fuß bewegt sich, wenn er geht,Und er bewegt sich nicht, so lang er stille steht;Doch merken Sie, was ich itzt sagen werde,Denn dieses ist es noch nicht ganz.So oft Ihr Fuß nur geht, so geht er auf der Erde.Betrachten Sie nun Ihren Schwanz.Sie sehen, wenn Ihr Fuß sich reget,Daß auch Ihr Schwanz sich mit beweget;Itzt ist Ihr Fuß bald hier, bald dort,Und so geht auch Ihr Schwanz mit auf der Erde fort,So oft Sie nach den Hühnern reisen.Daraus zieh ich nunmehr den SchlußIhr Schwanz, das sey Ihr fünfter Fuß;Und dieß, Herr Fuchs, war zu beweisen.

Ja, dieses hat uns noch gefehlt;Wie freu ich mich, daß es bey ThierenAuch große Geister giebt, die alles demonstriren!Mir hats der Fuchs für ganz gewiß erzählt.Je minder sie verstehn, sprach dieses schlaue Vieh,Um desto mehr beweisen sie.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 20–21, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Fuchs und die Elster“, Fassung 4.596.886 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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