Der Bettler
Christian Fürchtegott Gellert · 1715–1769
21 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1769
Ein Bettler kam mit bloßem DegenIn eines reichen Mannes Haus,Und bat sich, wie die Bettler pflegen,Nur eine kleine Wohlthat aus.Ich, sprach er, kenn ihr christlich Herze;Sie sorgen gern für andrer Heil,Und nehmen mit gerechtem SchmerzeAn Ihres Nächsten Elend Theil.Ich weis, mein Flehn wird sie bewegen!Sie sehn, ich fordre nichts mit Unbescheidenheit;Nein, ich verlasse mich (hier wies er ihm den Degen,)Allein auf ihre Gütigkeit.
Dieß ist die Art lobgieriger Scribenten,Wenn sie um unsern Beyfall flehn;Sie geben uns mit vielen ComplimentenDie harte Fordrung zu verstehn.Der Autor will den Beyfall nicht erpressen;Nein, er verläßt sich bloß auf unsre Billigkeit;Doch daß wir diese nicht vergessen,So zeigt er uns zu gleicher ZeitIn beyden Händen Krieg und Streit.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 44, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Bettler (Gellert)“, Fassung 4.597.573 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.
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