Der Blinde und der Lahme
Christian Fürchtegott Gellert · 1715–1769
28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1769
Von ungefähr muß einen BlindenEin Lahmer auf der Straße finden,Und jener hofft schon freudenvoll,Daß ihn der andre leiten soll.
Dir, spricht der Lahme, beyzustehen?Ich armer Mann kann selbst nicht gehen;Doch scheints, daß du zu einer LastNoch sehr gesunde Schultern hast.
Entschließe dich, mich fortzutragen,So will ich dir die Stege sagen:So wird dein starker Fuß mein Bein,Mein helles Auge deines seyn.
Der Lahme hängt, mit seinen Krücken,Sich auf des Blinden breiten Rücken.Vereint wirkt also dieses Paar,Was einzeln keinem möglich war.
Du hast das nicht, was andre haben,Und andern mangeln deine Gaben;Aus dieser UnvollkommenheitEntspringet die Geselligkeit.
Wenn jenem nicht die Gabe fehlte,Die die Natur für mich erwählte:So würd er nur für sich allein,Und nicht für mich bekümmert seyn.
Beschwer die Götter nicht mit Klagen!Der Vortheil, den sie dir versagen,Und jenem schenken, wird gemein,Wir dürfen nur gesellig seyn.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 35–36, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Blinde und der Lahme“, Fassung 4.597.559 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.
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