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Versbuch

Das Testament

Christian Fürchtegott Gellert · 17151769

68 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1769

Philemon, der bei großen SchätzenEin edelmüthig Herz besaß,Und, andrer Mangel zu ersetzen,Den eignen Vortheil gern vergaß;Philemon konnte doch dem Neide nicht entgehen,So willig er auch war, den Neidern beyzustehen.Zween Nachbarn haßten ihn, zween Nachbarn ruhten nie,Aufs schimpflichste von ihm zu sprechen.Warum? Er war beglückt, und glücklicher, als sie;Ist dieß nicht schon ein groß Verbrechen?Die Freunde riethen ihm, sich für den Schimpf zu rächen.Nein, sprach er, laßt sie neidisch schmähn,Sie werden schon nach meinem Tode sehn,Wie viel sie Recht gehabt, ein Glück mir nicht zu gönnen,Das wenig Menschen nützen können.

Er stirbt. Man findt sein Testament,Und liest: Ich will, daß einst, nach meinem Sterben,Mein hinterlaßnes Gut die beiden Nachbarn erben,Weil sie dieß Gut mir nicht gegönnt.So mancher Freund verwünscht dieß Testament!„Wie? konnt ich ihn nicht auch beneiden?„Mir giebt er nichts, und alles diesen beiden?

Die beiden Nachbarn sehn vergnügtDen Sinn des Testaments vollführen.Denn damals wußte man nicht recht zu processiren,Sonst hätten beide nichts gekriegt.So aber kriegten sie das völlige Vermögen.Wie rühmten sie den Selgen nicht!Er war die Großmuth selbst, er war der Zeiten Licht,Und alles dieß des Testamentes wegen;Denn eh er starb, war ers noch nicht.

Sind unsre Nachbarn nun beglückt?Vielleicht. Wir wollen Achtung geben.Der Eine Nachbar weiht entzücktDem reichen Kasten Ruh und Leben.Er hütet ihn mit karger Hand,Und wacht, wenn andre schnarchend liegen,Und wünscht mit Thränen sich Verstand,Die schlauen Diebe zu betrügen;Springt oft, durch böse Träum erschreckt,Als ob man ihn bestohlen hätte,Mit schnellen Füßen aus dem Bette,Und sucht den Ort, wo er den Schatz versteckt.Er martert sich mit tausend Sorgen,Sein vieles Geld vermehrt zu sehn,Und nimmt aus Geiz sich vor, die Hälfte zu verborgen,Und läßt den, den er rief, doch leer zurücke gehn.Arm hatt er sich noch satt gegessen;Reich hungert er, bey halbem Essen,Und schnitt das Brodt, das er den Seinen gab,Mit Klagen über Gott, und über Theurung, ab,Und ward, mit jedem neuen Tage,Der Seinen Last und seine Plage.

Der andre Nachbar lachte sein.Der Thorheit, sprach er, will ich wehren;Was ich geerbt, will ich verzehren,Und mich des Segens recht erfreun.Er hielt sein Wort, und sah, in wenig Jahren,Sein vieles Geld in fremder Hand;Durch Gassen, wo er sonst stolz auf und ab gefahren,Schlich itzt sein Fuß ganz unbekannt.Ach! sprach er zu dem andern Erben,Philemon hat es wohl gedacht,Daß uns der Reichthum wird verderben,Drum hat er uns sein Gut vermacht.Du hungerst karg, ich hab es durchgebracht.Wir waren werth, den Reichthum zu besitzen;Denn keiner wußt ihn recht zu nützen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 49–51, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
Digitalisat
de.wikisource.org — „Das Testament“, Fassung 4.464.132 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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