Der alte Dichter und der junge Criticus
Christian Fürchtegott Gellert · 1715–1769
20 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1769
Ein Jüngling stritt mit einem AltenSehr lebhaft über ein Gedicht.Der Alte hielts für schön; der Jüngling aber nicht,Und hatte Recht, es nicht für schön zu halten.Er wies dem Alten, Schritt für Schritt,Hier bald das Matte, dort das Leere,Und dachte nicht, daß der, mit dem er stritt,Der Autor des Gedichtes wäre.
Wie, sprach der Alte, ganz erhitzt,Sie tadeln Ausdruck und Gedanken?Mein Herr, Sie sind zu jung, mit einem Mann zu zanken,Den Fleiß, Geschmack und Alter schützt.Da man Sie noch im Arm getragen,Hab ich der Kunst schon nachgedacht.Und kurz: was würden Sie wohl sagen,Wenn ich die Verse selbst gemacht?
Ich, sprach er, würde, weil Sie fragen,Ich würde ganz gelassen sagen,Daß man, Geschmack und Dichtkunst zu entweihn,Oft nichts mehr braucht, als alt und stolz zu seyn.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Drittes Buch. S. 234, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der alte Dichter und der junge Criticus“, Fassung 4.463.314 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.
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