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Versbuch

Das Kartenhaus

Christian Fürchtegott Gellert · 17151769

36 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1769

Das Kind greift nach den bunten Karten;Ein Haus zu bauen, fällt ihm ein.Es baut, und kann es kaum erwarten,Bis dieses Haus wird fertig seyn.

Nun steht der Bau. O welche Freude!Doch ach! ein ungefährer StoßErschüttert plötzlich das Gebäude,Und alle Bänder reissen los.

Die Mutter kann im LomberspielenWenn sie den letzten Satz verspielt,Kaum so viel banges Schrecken fühlen,Als ihr bestürztes Kind itzt fühlt.

Doch wer wird gleich den Muth verlieren?Das Kind entschließt sich sehnsuchtsvoll,Ein neues Lustschloß aufzuführen,Das dem zerstörten gleichen soll.

Die Sehnsucht muß den Schmerz besiegen;Das erste Haus steht wieder da.Wie lebhaft war des Kinds Vergnügen,Als es sein Haus von neuem sah!

Nun will ich mich wohl besser hüten,Damit mein Haus nicht mehr zerbricht.Tisch! ruft das Kind, laß dir gebieten,Und stehe fest, und wackle nicht!

Das Haus bleibt unerschüttert stehen,Das Kind hört auf, sich zu erfreun;Es wünscht, es wieder neu zu sehen,Und reißt es bald mit Willen ein.

Schilt nicht den Unbestand der Güter,Du siehst dein eigen Herz nicht ein;Veränderlich sind die Gemüther,So mußten auch die Dinge seyn.

Bey Gütern, die wir stets geniessen,Wird das Vergnügen endlich matt;Und würden sie uns nicht entrissen,Wo fänd ein neu Vergnügen Statt?

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 62–63, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
Digitalisat
de.wikisource.org — „Das Kartenhaus (Gellert)“, Fassung 4.597.687 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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