Zum Inhalt springen
Versbuch

Das Land der Hinkenden

Christian Fürchtegott Gellert · 17151769

26 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1769

Vor Zeiten gabs ein kleines Land,Worinn man keinen Menschen fand,Der nicht gestottert, wenn er redte,Nicht, wenn er gieng, gehinket hätte;Denn beides hielt man für galant.Ein Fremder sah den Uebelstand;Hier, dacht er, wird man dich im Gehn bewundern müssen,Und gieng einher mit steifen Füssen.Er gieng, ein jeder sah ihn an,Und alle lachten, die ihn sahn,Und jeder blieb vor Lachen stehen,Und schrie: Lehrt doch den Fremden gehen!

Der Fremde hielts für seine Pflicht,Den Vorwurf von sich abzulehnen.Ihr, rief er, hinkt; ich aber nicht:Den Gang müßt ihr euch abgewöhnen!Der Lärmen wird noch mehr vermehrt,Da man den Fremden sprechen hört.Er stammelt nicht; genug zur Schande!Man spottet sein im ganzen Lande.

Gewohnheit macht den Fehler schön,Den wir von Jugend auf gesehn.Vergebens wirds ein Kluger wagen,Und, daß wir thöricht sind, uns sagen.Wir selber halten ihn dafür,Bloß, weil er klüger ist, als wir.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 22, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
Digitalisat
de.wikisource.org — „Das Land der Hinkenden“, Fassung 4.596.888 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Christian Fürchtegott Gellert

Alle Gedichte von Christian Fürchtegott Gellert ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Aufklärung

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.