Das Pferd und die Bremse
Christian Fürchtegott Gellert · 1715–1769
26 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1742
Ein Gaul, der Schmuck von weissen Pferden,Von Schenkeln leicht, schön von Gestalt,Und, wie ein Mensch, stolz in Geberden,Trug seinen Herrn durch einen Wald;Als mitten in dem stolzen GangeIhm eine Brems entgegen zog,Und durstig auf die nasse StangeAn seinem blanken Zaume flog.Sie leckte von dem heissen Schaume,Der heeficht am Gebisse floß;Geschmeiße! sprach das wilde Roß,Du scheust dich nicht vor meinem Zaume?Wo bleibt die Ehrfurcht gegen mich?Wie? darfst du wohl ein Pferd erbittern?Ich schüttle nur: so mußt du zittern.Es schüttelte; die Bremse wich.
Allein sie suchte sich zu rächen;Sie flog ihm nach, um ihn zu stechen,Und stach den Schimmel in das Maul.Das Pferd erschrack, und blieb vor Schrecken,In Wurzeln mit dem Eisen stecken,Und brach ein Bein; hier lag der stolze Gaul.
Auf sich den Haß der Niedern laden,Dieß stürzet oft den größten Mann.Wer dir, als Freund, nicht nützen kann,Kann allemal, als Feind, dir schaden.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 45, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1742
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das Pferd und die Bremse“, Fassung 4.597.661 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.
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