Eine Fenster-Betrachtung
Heinrich Kämpchen · 1847–1912
33 Zeilen · zuerst gedruckt 1909
Von meinem Fenster seh’ ich sie im TrottTagtäglich hier vorüberzieh’n; laut klirrtDer schwere Bergschuh auf dem Straßenstein,Wie Hufestritt. – Das ist die Köhlerschar! –So geht den Weg zur Zeche sie, so kehrt,Nur müder, sie davon zurück nach Haus,Zur kurzen Rast – um wieder dann auf’s neuZum Joch zu ziehen – und so fort und fort. –Ihr sagt: Gewohnheit – und – sie spüren’s nicht.Von Jugend an sind sie daran gewöhntDie Muskeln zu gebrauchen, dafür hatDer Kopf auch Ruhe, braucht mit Denken nichtSich zu beschweren, wenn die Hand nur schafft. –Ihr sprecht es aus – gewiß, so wär’s euch recht!Nur schuften soll der Knapp’, die DenkarbeitWollt ihr besorgen schon – das Kohlenhau’n,Das Felsensprengen und die WetternotIm tiefen Schacht für ihn – jedoch die LastDer Dividenden wollt ihr großmutsvollAuf eure Schultern nehmen und auch nochDes „Denkens Schwere“, die dazu gehört. –Das wär’ ein Pakt! Nur schade drum, daß wirEs nicht so wollen und die Harmonie(Wenn’s eine gibt bei Arbeit und Nichtstun)Zum Mißklang wird in solchem Teilkonzert. –Nein, liebe Herren, nicht so soll es sein!Auch uns hat die Natur mit Kopf und HirnBedacht wie euch, und auch das Denken istNicht ganz so fremd uns, wie wir’s schon gezeigtZu vielen Malen euch, vergeßt es nicht. –Einlullen läßt der Bergmann sich nicht mehr –Er will sein Recht, er kämpft dafür und wirdErhalten es, ob über kurz ob lang. –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Was die Ruhr mir sang, S. 113, k. A., Hansmann & Co., Bochum, 1909
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Eine Fenster-Betrachtung (Kämpchen)“, Fassung 3.717.678 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Kämpchen starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 12060812X der Deutschen Nationalbibliothek.
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