Meningitis tuberculosa
Frank Wedekind · 1864–1918
28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Die Augen irren kreuz und quer,Die Hände krabbeln hin und her,Der dünne Atem zieht so schwer,Nun schlägt auch bald das Herz nicht mehr.
Längst hat im Köpfchen tiefe NachtAll’ Gram und Schmerz zur Ruh’ gebracht,Die schlaffe Lippe singt und lachtWie Abendwind ob Grabesschacht.
Die Hand in meiner brennt so heiß,So aderblau, so kreideweiß;In ihrem Innern perlt der SchweißGleich Morgentau auf Blütenreis.
Das Auge glänzt, der Atem pfeift,Die Schwester nach dem Doktor schweift,Der Vater mit der Mutter keift,Die Mutter in die Wolken greift.
Drei Klageweiber treten ein,Sie fangen gräßlich an zu schrein:O Gott, o Gott, o Mägdelein,Der Himmel muß barmherzig sein!
Gebrochen unter Ach und Weh,Sie sinken auf das Kanapee;Die Mutter kommt mit dem Kaffee,Sie blicken schluchzend in die Höh’.
Ein leiser heller Klageton –Die Weiber hören nichts davon,Sie plappern über Mägdelohn –Das junge Leben ist entflohn.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die vier Jahreszeiten, 1. Auflage, Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Meningitis tuberculosa“, Fassung 3.779.707 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Frank Wedekind starb 1918; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1988 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118629867 der Deutschen Nationalbibliothek.
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