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Versbuch

Venus Bestia

Richard Dehmel · 18631920

78 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Ich und mein Freund, wir saßen einmalin einem menschenheißen Weinlokal;zwei Tisch weit neben uns saßenein Herr und eine Dame, offenbar– den Ringen nach – ein jüngeres Ehepaar,deren Blicke sich manchmal vergaßen.Mein Freund sah weg, wir lächelten eigen,wir schwiegen unser bestes Schweigen.

Der Gatte nahm jetzt die Speisekarte,den kleinen Finger gespreizt – dran saßein Nagel, langgefeilt und leichenblaß,der spitz wie eine Kralle starrte;der Zeigefinger war stumpf beschnitten.Die Frau saß weich zurückgesunken;aus ihren Augenhöhlenschatten glühtenwie zwei KohlenfunkenBlicke hinüber auf seine Finger,dunkle, glimmende Blicke hin.Ich weiß nicht, mir kam der Raubtierzwinger,der Zoologische Garten in Sinn;ja – die Tigerin!So lag sie neulich hinter dem Gitter,die ferne Gier im schwarzen Blick,im weichen Fell ein gelb Gezitter,und wartete brütend auf das braune StückFleisch, das draußen der Wärter brachte,das tote Fleisch – es roch so matt,nicht warm nach Blut – sie lag so satt;jetzt kam er, ihr purpurnes Auge lachte,es war doch Fleisch! hoch griff sie zu,die triefenden Kiefer kniff sie zu,nun lag sie drüber mit brünstigen Pranken,die Zunge gekrümmt, die Zähne stier,sie konnte nicht fressen vor röchelnder Gier,flackernd leckte der Schweif die Flanken,im Blick ein Grün von hohlem Hasse –wie dieser Tigerin zuckender Rachenschlundwar mir das Auge der Frau da, undda sagte mein Freund: Du, das Weib hat Rasse!

Jetzt hob der Gatte das Genick;Dem saß der gelbe Wolf im Blick.Zittrig über sein hartglatt Kinnstrich sein Krallennagel hin,ein goldnes Münzenarmband hingihm ums Handgelenk und machte kling;seine breitroten Lippen glühtendurch den magern Schnurrbart wie Dornstrauchblüten,die Backen schmeckten ein Gericht,dann senkte sich wieder sein Gesicht.Ich sah eine lautlos stürzende Meute,mit kochenden Zungen, durch bleiche Nacht,steif die Ruten gesträubt, fern Schlittengeläute,die witternden Nüstern steil ins Weite,in keuchender Jagd,und jeder aus der schäumenden Massewürde, den heißen Hunger zu kühlen,blind, auch im Eignen Fleisch und Geschlechte wühlen –da bemerkte mein Freund: Du, auch der Kerl hat Rasse!

Jetzt wurden sich die Beiden schlüssig,sie trafen sich mit ihren Augen;die schienen sich ineinander zu saugen,fast durstig und fast überdrüssig,ganz langsam. Und plötzlich stand mir klargestern das große schwarze Schneckenpaarin dem nassen Fliegenpilz vor Augen,das Moderlaub im feuchten Park;ich sah die beiden schwarzen Schleimein dem weißen Fleische, dem giftigen Markdes roten Pilzes schmausen und saugenwie in einem Honigseime –und sah dort drüben den Gattenblick.Ich mußte, ich schob den Stuhl zurück:Komm! stieß ich mit dem Freunde an.Er wunderte sich: Warum denn, Mann?Komm, sagt’ich; bitte, thu mir die Liebe! –Wir zahlten. Wir traten auf die Straße,ins Wagengerassel, ins Menschengeschiebe,und immerfort hört’ich: Rasse, Rasse, Rasse ...

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Venus Bestia“, Fassung 625.068 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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