Der Feuergeist
Richard Dehmel · 1863–1920
25 Zeilen · zuerst gedruckt 1913
Ein Jüngling, wortgewandt, und sehr fürs Volkswohl glühend,oder galt seine Glut mehr seinem Rednerruhm?wer weiß – denn eines Tags nach einer Wahlversammlungsprach er zu einem Freund: welch grenzenloses Glück,so ganz entbrannt zu sein, daß alles mitentbrennt,so Flamme durch und durch, daß sich der Geist vesuvischam eignen Wort entflammt und jeden andern Geistrings um sich her verzehrt! – der wurde selbigen Nachtsvon einer Feuersbrunst jäh aus dem Schlaf geweckt.Er sah, noch halb im Traum, durch die verkohlte Türden Brand nach seinem Bett mit riesiger Zunge lecken,wollte um Hilfe schrein, sprang auf, sah rings die WändeRauch spein, die Dielen sprühn, schrie Gnade, stotternd Gnade,sah nichts mehr, schrie nur, sah: alles verzehrend fraßder glühende Atem um sich, vesuvisch. Und – o Gnade –was war das? Luft! Er sah sich zusammenbrechen, fühltesich hochgerissen plötzlich, getragen, weggetragen,durch klirrende Fenster, Wolken, Nachtwolken, Luft – o Glück –o grenzenloses Glück – durch frische Luft getragen,von Fäusten, Retterfäusten, hinab. So kam er zu sich,stand unten, sah hinauf, sah rings das Volksgetümmelvom Feuer geisterhaft beleuchtet, wollte sprechen,Dank sagen, Dank, o Dank – und sprach, sprach nicht, schrie, schrie nur,stotternd und lallend: Gnade! Gnade! – Die Zunge warfür immer ihm gelähmt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Schöne wilde Welt S. 15, S. Fischer Verlag, Berlin, 1913
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Feuergeist“, Fassung 3.086.429 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.
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