Jeremia
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
18 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1918
Einmal war ich weich wie früher Weizen,doch, du Rasender, du hast vermocht,mir das hingehaltne Herz zu reizen,daß es jetzt wie eines Löwen kocht.
Welchen Mund hast du mir zugemutet,damals, da ich fast ein Knabe war:eine Wunde wurde er: nun blutetaus ihm Unglücksjahr um Unglücksjahr.
Täglich tönte ich von neuen Nöten,die du, Unersättlicher, ersannst,und sie konnten mir den Mund nicht töten;sieh du zu, wie du ihn stillen kannst,
wenn, die wir zerstoßen und zerstören,erst verloren sind und fernverlaufenund vergangen sind in der Gefahr:denn dann will ich in den Trümmerhaufenendlich meine Stimme wiederhören,die von Anfang an ein Heulen war.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der neuen Gedichte anderer Teil, S. 16, Insel-Verlag, Leipzig, 1918
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Jeremia“, Fassung 1.726.002 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.