Fragmente aus verlorenen Tagen
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
70 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1906
… Wie Vögel, welche sich gewöhnt ans Gehnund immer schwerer werden, wie im Fallen:Die Erde saugt aus ihren langen Krallendie mutige Erinnerung von allenden großen Dingen, welche hoch geschehn,und macht sie fast zu Blättern, die sich dichtam Boden halten, –wie Gewächse, die,kaum aufwärts wachsend, in die Erde kriechen,in schwarzen Schollen unlebendig lichtund weich und feucht versinken und versiechen,wie irre Kinder, – wie ein Angesichtin einem Sarg, – wie frohe Hände, welcheunschlüssig werden, weil im vollen Kelchesich Dinge spiegeln, die nicht nahe sind, –wie Hilferufe, die im Abendwindbegegnen vielen dunklen großen Glocken, –wie Zimmerblumen, die seit Tagen trocken,wie Gassen, die verrufen sind, – wie Locken,darinnen Edelsteine blind geworden sind, –wie Morgen im Aprilvor allen vielen Fenstern des Spitales:Die Kranken drängen sich am Saum des Saalesund schaun: die Gnade eines frühen Strahlesmacht alle Gassen frühlinglich und weit;sie sehen nur die helle Herrlichkeit,welche die Häuser jung und lachend macht,und wissen nicht, daß schon die ganze Nachtein Sturm die Kleider von den Himmeln reißt,ein Sturm von Wassern, wo die Welt noch eist,ein Sturm, der jetzt noch durch die Gassen braustund der den Dingen alle Bürdevon ihren Schultern nimmt, –daß Etwas draußen groß ist und ergrimmt,daß draußen die Gewalt geht, eine Faust,die jeden von den Kranken würgen würdeinmitten dieses Glanzes, dem sie glauben. –...... Wie lange Nächte in verwelkten Lauben,die schon zerrissen sind auf allen Seitenund viel zu weit, um noch mit einem zweiten,den man sehr liebt, zusammen drin zu weinen, –wie nackte Mädchen, kommend über Steine,wie Trunkene in einem Birkenhaine, –wie Worte, welche nichts Bestimmtes meinenund dennoch gehn, ins Ohr hineingehn, weiterins Hirn und heimlich auf der Nervenleiterdurch alle Glieder Sprung um Sprung versuchen.Wie Greise, welche ihr Geschlecht verfluchenund dann versterben, so daß keiner jeabwenden könnte das verhängte Weh,wie volle Rosen, künstlich aufgezogenim blauen Treibhaus, wo die Lüfte logen,und dann vom Uebermuth in großem Bogenhinausgestreut in den verwehten Schnee, –wie eine Erde, die nicht kreisen kann,weil zuviel Tote ihr Gefühl beschweren,wie ein erschlagener verscharrter Mann,dem sich die Hände gegen Wurzeln wehren, –wie eine von den hohen, schlanken, rothenHochsommerblumen, welche unerlöst ganz plötzlichstirbt im Lieblingswind der Wiesen,weil ihre Wurzel unten an Türkisenim Ohrgehänge einer Totenstößt ....
Und mancher Tage Stunden waren so.Als formte wer mein Abbild irgendwo,um es mit Nadeln langsam zu mißhandeln.Ich spürte jede Spitze seiner Spiele,und war, als ob ein Regen auf mich fiele,in welchem alle Dinge sich verwandeln.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Das Buch der Bilder 2. Buch Teil 12, S. 125–129, Zweite sehr vermehrte Auflage, Axel Junker Verlag, Berlin / Leipzig, Stuttgart, 1906
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Fragmente aus verlorenen Tagen“, Fassung 2.834.860 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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