Der Ölbaum-Garten
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
29 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Er ging hinauf unter dem grauen Laubganz grau und aufgelöst im Ölgeländeund legte seine Stirne voller Staubtief in das Staubigsein der heißen Hände.
Nach allem dies. Und dieses war der Schluß.Jetzt soll ich gehen während ich erblinde,und warum willst Du, daß ich sagen mußDu seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde.
Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein.Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein.Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein.
Ich bin allein mit aller Menschen Gram,den ich durch Dich zu lindern unternahm,der Du nicht bist. O namenlose Scham ...
Später erzählte man: ein Engel kam —.
Warum ein Engel? Ach es kam die Nachtund blätterte gleichgültig in den Bäumen.Die Jünger rührten sich in ihren Träumen.Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht.
Die Nacht, die kam, war keine ungemeine;so gehen hunderte vorbei.Da schlafen Hunde und da liegen Steine.Ach eine traurige, ach irgendeine,die wartet, bis es wieder Morgen sei.
Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern,und Nächte werden nicht um solche groß.Die Sich-Verlierenden läßt alles los,und sie sind preisgegeben von den Väternund ausgeschlossen aus der Mütter Schoß.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte, S. 19, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Ölbaum-Garten“, Fassung 2.553.321 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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