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Versbuch

Moosrose

Louise Otto-Peters · 18191895

40 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Die rote, blätterreiche Rose,Voll Duft und tiefverborgner Glut,Die ohne Dorn im weichen Moose,Auf zartem Stengel träumend ruht’:Die Rose gab ich Dir zu eigen –O wie verstandest Du mich wohl!Du weihtest sie zum BundeszeichenZu unsrer Seligkeit Symbol!

Du willst sie unverwelklich wahrenIn Deiner Hand, an Deiner Brust,Ein Talisman, der in GefahrenZu schützen mich und Dich gewußt;Ein Unterpfand von künft’ger Wonne,Wenn hinter uns die finstre Nacht,Wenn eine freie, stolze SonneZugleich auf uns herniederlacht.

Viel Dornen sind auf unsern Wegen,Doch diese Ros’ ist dornenlos,Du zogst mit warmen HerzensschlägenDie stille Knospe voll und groß.Das ist ein Sprossen, ist ein Drängen –Ein ganzer Hain von Rosen blüht,Und zu begeisterten GesängenEin jeder Kelch sich öffnend glüht.

So laß uns selig träumend wallenIm Rosenhain der Poesie,Und Lied um Lied soll preisend schallenIn süßer Liebes-Melodie.So laß uns Gott im Himmel lobenDer solche Rosen blühen hießUnd uns, trotz wilder Wetter Toben,Die schönste dennoch finden ließ.

So laß uns diesen Gott vertrauen,Der an den Blumen Wunder thut,Nicht nur im Blitz ist er zu schauen,Er redet auch aus Rosenglut.Wie uns des Wetters Nacht umdunkelt,Wie Angst und Weh’ das Los der Zeit:Ein heil’ger Strahl im Kelche funkelt –Die Rose blüht in Ewigkeit!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 162-163, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Moosrose“, Fassung 638.525 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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