Für alle
Louise Otto-Peters · 1819–1895
64 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Für alle! hören wir die Worte tönen,Da wird das Herz uns plötzlich groß und weit!Sie künden uns wie mit DrommetendröhnenDen Siegsgesang der echten Menschlichkeit.Denn anders ist kein heilig’ Werk zu krönenUnd anders nie zu enden Kampf und Streit,Als wenn ein Heil, das in die Welt gekommenDer Sonne gleich für alle ist entglommen.
„Für alle!“ sangen einst der Engel ScharenIn jener gottgeweihten heil’gen Nacht,„Für alle will der Herr sich offenbarenIn seiner ewigtreuen Liebesmacht;Für alle hat er Noth und Tod befahrenUnd der Erlösung großes Werk vollbracht,Das gleich den Gliedern eines Leibes einteMit festem Band die gläubige Gemeinde.“
„Für alle –“ klang es im Hussitenheere –„Ist auch der Gnade Kelch mit Christi Blut,Denn allen ward verkündet seine Lehre,Die in der Gleichheit aller Menschen ruht,Und Erd’ und Himmel hat nicht höhre Ehre,Als nun uns wird mit dem geweihten Gut!“Im Märtyr’tum, in grauser TodeshalleErtönt es noch: „Der Kelch des Heils für alle!“
So wußten sie die Losung recht zu fassen,Erteilten sie an Mann und Weib zugleich.Sie wollten nicht das hohe Erbteil lassen,Das Bürgertum im neuen Liebesreich.Da gab es keinen Neid mehr und kein Hassen,Kein Sklaventum, kein Herschen stark und feig,Die Seelen galt’s, die freien, zu errettenAus düsterm Bann, aus schwerer Knechtschaft Ketten.
Wo wieder aber ward der Ruf vernommen:„Für alle Freiheit!“ klang es fast wie Hohn,Denn für die Männer nur war er gekommenIm Wettersturm der Revolution.Denn schien auch Joch auf Joch hinweggenommen,Und stürzte auch in Trümmer Thron um Thron:Dem Männerrecht nur galt das neue Ringen,Das Frauenrecht blieb in den alten Schlingen.
Wohl grüßten freie Männer sich als Brüder,Nur Bürger gab es, nicht mehr Herr und Knecht;Wohl sangen sie der Liebe BundesliederUnd fühlten sich als ein erneut’ Geschlecht.Doch auf die Schwestern blickten stolz sie nieder,Der Menschheit Hälfte blieb noch ohne Recht,Blieb von dem Ruf: „für alle!“ ausgenommen –Ihr muß erst noch der Tag des Rechtes kommen.
Der Frauen Schar, die in den Staub getreten,Ward nur erhoben an des Glaubens Hand.Die Besten lernten fromm zum Himmel beten,Weil ja die Erdenwelt sie nicht verstand;Die andern aber ließen sich beredenSie seien nur bestimmt zu Spiel und Tand,Es sei ihr höchstes Ziel im süßen Minnen,Des ganzen Lebens Inhalt zu gewinnen.
Doch wiederum wird einst der Ruf erklingen:So wie vor Gott sind wir auf Erden gleich!Die ganze Menschheit wird empor sich ringenZu gründen ein erneutes Liebesreich,Dem Weibe wie dem Mann sein Recht zu bringenZu wahren mit des Friedens Palmenzweig.In laut’rer Wahrheit stolzem SiegesschalleTönt’s noch einmal: „Erlösung kam für alle!“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 262–264, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Für alle“, Fassung 2.309.500 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.
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