Zum Inhalt springen
Versbuch

Volk in Not

Kurt Tucholsky · 18901935

61 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 9. Mai 1919

Von Theobald Tiger

Und während in Versailles die Würfel rollen –das Spiel steht schlecht …Und während in Versailles die Würfel rollen,tanzt dieses Volk in nimmermüdem Foxtrottum seine alten goldnen Kälbergötzen:

Der Spielklub stippevoll. Die feinen Leute,die vormittags geschlummert, nachmittagshingegen vierte Hypotheken sanft verschoben,erblühn im hellen Schein der gelben Lampenzu neuem Leben. Poker. Meistens Bac.„Die Frau da drüben ist die Freundindes großen Brauereibesitzers … Ja, die Perlen –!Er kanns und hats, und sie verliert am Abend,was er am Tag verdient. Ich bitte Sie! Er lacht!“Ein großer Schlag – der Jüngling, der die Bank hält,zahlt (Haltung! Haltung! Halt dir senkrecht, Karle!)auf einem Sitz an einen hagern Alteneinhundertfünfzigtausend Mark.

Versailles? –Ah! Versailles!

Es rauscht der Ball. Das Ganze: dritter Klasse.Hier tanzt das Glück auf ziemlich großen Füßen,hier lacht das Glück von ziemlich dicken Lippen,hier schiebt der Mann mit der Matrosenmütze –und eine heisre Stimme ruft: „Du, Orje! Orje!Schmeiß mir doch ma det schwachze Meechen riba!“Und eine andre Stimme übertönt den Reigen,hart, im Kommandotone: „Bitte woiter!“

Versailles? –Ah! Versailles!

Im Kino nicht ein Platz. Vorn, auf der Leinwand,ist Mord und Totschlag. Seidne Betten kippen,die Dirne hebt beschwörend dürre Arme,der Ludewich zieht voller Hast ein Messer,und hinten lauscht, im Cutaway, der Gent.Ein Brief:„Da du mich nicht mehr liebst,schieß ich mir tott. Auf Wiedersehen! Luzie.“Das Publikum: ein Tier mit tausend Köpfen –kein Laut – die Frauen atmen schwerer –der Regisseur legt einen kleinen Mord ein – –

Versailles? –Ah! Versailles!

Und so beim Rennen, so bei Künstlerspielen,und so im Café, in Hotels und Dielen …

Versailles? –Ah! Versailles!

So sollt man also trauern? Und: es hilft nichts?Es kommt ja alles, wie es kommen muß?Und keiner achtete auf eure Haltung?Ich weiß doch nicht.Ein Volk in schweren Nöten,ein Volk vor bitterster Entscheidungsstunde,vergibt sich nichts, wenn es in Würde schweigt.Ich hielt euch einen Spiegel vor. Saht ihr nur Fratzen?Das Glas zerrt nicht – es wird wohl Wahrheit sein.Bedenkt: der Panter mit den scharfen Tatzenspielt jetzt mit uns. Er tastet nach dem Rhein …Wacht Deutschland noch? Dann soll es höher streben:Gebt uns das alte deutsche saubre Leben!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Ulk Jahrgang 48. Nummer 19. Seite 66, Rudolf Mosse, Berlin, 9. Mai 1919
Digitalisat
de.wikisource.org — „Volk in Not“, Fassung 1.040.938 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Kurt Tucholsky

Alle Gedichte von Kurt Tucholsky ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Moderne und Expressionismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.