Weihnachten
Kurt Tucholsky · 1890–1935
26 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1919
So steh ich nun vor deutschen Trümmernund sing mir still mein Weihnachtslied.Ich brauch mich nicht mehr drum zu kümmern,was weit in aller Welt geschieht.Die ist den andern. Uns die Klage.Ich summe leis, ich merk es kaum,die Weise meiner Jugendtage:O Tannebaum!
Wenn ich so der Knecht Ruprecht wäreund käm in dies Brimborium– bei Deutschen fruchtet keine Lehre –weiß Gott! ich kehrte wieder um.Das letzte Brotkorn geht zur Neige.Die Gasse gröhlt. Sie schlagen Schaum.Ich hing sie gern in deine Zweige,o Tannebaum!
Ich starre in die Knisterkerzen:Wer ist an all dem Jammer schuld?Wer warf uns so in Blut und Schmerzen?uns Deutsche mit der Lammsgeduld?Die leiden nicht. Die warten bieder.Ich träume meinen alten Traum:Schlag, Volk, den Kastendünkel nieder!Glaub diesen Burschen nie, nie wieder!Dann sing du frei die Weihnachtslieder:O Tannebaum! O Tannebaum!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Fromme Gesänge, S. 74, Felix Lehmann, Charlottenburg, 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Weihnachten (Tucholsky FG)“, Fassung 3.779.228 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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