Vorfrühling
Kurt Tucholsky · 1890–1935
20 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1919
Sieh da: nun ist der fette Dichter wiedervon seinem Winterschläfchen aufgewacht,und er entlockt der Harfe heitre Lieder,ti püng – die Winde wehn, der Himmel lacht.
Er schauet sanft verklärt, und eine Puttehält über seinem Kopf den Lorbeerkranz.Vorfrühling nähert sich, die junge Nutte,und probt, noch schüchtern, einen kleinen Tanz.
Das Barometer droht mit seinem Zeiger:„Nicht immer feste druff! Ich falle bald.“Selbst Barometer schwätzen. Große Schweigersind selten in dem Land des Theobald.
Noch immer Zabern und Theaterpleiten,und wie man wieder auf den Fasching geht,Protestbeschlüsse, andere Lustbarkeiten –und alles red’t, und alles red’t.
Und wenn man dieses Deutschland sieht und diesemit Parsifallerei – und fallereinvon Hammeln abgegraste Geisteswiese –Ach, Frühling! Hier soll immer Winter sein!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Fromme Gesänge, S. 68, Felix Lehmann, Charlottenburg, 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Vorfrühling?“, Fassung 3.790.941 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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