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Versbuch

Was ist im Innern einer Zwiebel?

Kurt Tucholsky · 18901935

56 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 21. Januar 1929

von Theobald Tiger

Nun nimmt wohl bald der Bauer Geld aus der Schatullenund macht sich auf mit seiner Kuh zum Bullen —mit seiner Kuh.

Nun wirft wohl diese Kuh ein Kälbchen sonder Schaden,und dieses Kälbchen legt dort einen runden Fladen —das Kälbchenvon der Kuh.

Nun wächst aus diesem Fladen auf der Ackerkrumewohl bald die schönste, rote Bauernblume —aus dem Fladenvon dem Kälbchenvon der Kuh.

Nun hüpft wohl bald ein Stubenmädchen in dem Grase,pflückt einen Strauß für ihr Hotel und stellt in eine Vasedie Blumenaus dem Fladenvon dem Kälbchenvon der Kuh.

In diesem so geschmückten Raum — denn sieh, er hat ihnja vorbestellt — liegt froh der heitere Hochzeitsreisende bei seiner Gattin —in Zimmer 28mit den Blumenaus dem Fladenvon dem Kälbchenvon der Kuh.

Und hier empfängt sie einen anfangs anonymen Knaben,sie trägt ihn aus, gebärt — er ist von großen Gaben —der Sohnvon der Hochzeitsreisendenaus Zimmer 28mit den Blumenaus dem Fladenvon dem Kälbchenvon der Kuh.

Der Knabe reift heran, erbt einen ganzen Batzenund gründet sich ein Etablissement für Bett-Matratzen:der Sohnvon der Hochzeitsreisendenaus Zimmer 28mit den Blumenaus dem Fladenvon dem Kälbchenvon der Kuh.

Nun schneuzt sich breit sein erster Vorarbeiter,wischt sich den Bart und pinselt flötend weiter —in der Fabrikdes Sohnesvon der Hochzeitsreisendenaus Zimmer 28mit den Blumenaus dem Fladenvon dem Kälbchenvon der Kuh.

Der Vorarbeiter hat das Bett lackiert. Nun nimmt er einen Schluck.

In diesem Bett tu ich den letzten Atemzug.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die Weltbühne. 25. Jahrgang 1929, Nummer 4, Seite 141–142., Verlag der Weltbühne, Berlin, 21. Januar 1929
Digitalisat
de.wikisource.org — „Was ist im Innern einer Zwiebel? (Tucholsky)“, Fassung 1.228.836 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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