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Versbuch

Vaterländische Ritornelle

Kurt Tucholsky · 18901935

32 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1919

„Wer nimmt es mit mir auf in Ritornellen?Im Vorrat hab ich noch sechs Pferdelasten.Wer schönere weiß als ich, der mag sich stellen.“Ligurisch.

Du bunter Blumenstrauß!Hier, Leser, steck die Nase in die Pflanzen,beriech sie, und die schönsten such heraus!

Blühende Geranien!Ihr seid so wohlfeil und ein billiger Schmuckwie Königsthrone in dem Land Albanien.

Bescheidenes Veilchen!Und wenn du denkst, ein neues Wahlrecht kommt –wir sind in Preußen … warte noch ein Weilchen!

Jelängerjelieber!Ja, über unsern Kanzler und den Gardeflügelmann –da geht nichts drieber.

Ihr Rosen, Tulpen und Narzissen!Die Hitze ließ uns auf der Wiese rasten …Dort üben die Soldaten … Horch, wer ruft?„Einjähriger Rosenbaum, drei Tage Kasten!“

Du welkes Blatt!Wenn du im trocknen Laube raschelst, muß ich denken,daß unser Kanzler was geredet hat.

Süß duftende Banane!Der Säugling heult. Die Misses legt ihn trocken.Als Windel dient die Votes-for-womens-Fahne.

Vaterländisches Gartenland!Ein fetter Humus, doch was wächst, ist ohne Reiz.Fehlt wohl des guten Gärtners leichte Hand?Da lohnte sich, es besser zu begießen(mit Spucke nicht, mit Wasser!) – dann gedeihts.Und tausendschönre Blumen werden darauf sprießen!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Fromme Gesänge, S. 11-12, Felix Lehmann, Charlottenburg, 1919
Digitalisat
de.wikisource.org — „Vaterländische Ritornelle“, Fassung 3.779.559 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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