Zum Inhalt springen
Versbuch

Saurer Traub

Kurt Tucholsky · 18901935

28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 17. Oktober 1919

Von Theobald Tiger

Jener Gottfried, der zu wiederholten Malen,gleichend einem Erzchamäleon,Farbe wechselnd sprach in Bierlokalen:„England stirbt!“ – (es wußt nur nichts davon),

jener Gottfried, dessen sanfter Speichelvorne über seine Bäffchen rann,der die deutsche Eichel mit Geschmeichellobte als ein haussekundiger Mann …

Dieser Gottfried stund im Reichstagssaaleauf – gebügelt, platt und glatt,und er donnert nun mit einem Malevon dem Bild, das er gesehen hat.

Hat dies Bild nicht einst im „Ulk“ gestanden?Sah man drauf nicht Seine Majestät?Der Respekt kommt leider ganz abhanden,wenn heut so was in der Zeitung steht.

Und er räkelt sich aus dem Gestühle,und er sagt es brav ins Stenogramm,und er spricht von seinem Zartgefühle,und er steht vor seinem Fürsten stramm.

Gottfried, hast du mal in langen Jahrenan die Krüppel, die jetzt blind und taub,an die Mütter nur gedacht in grauen Haaren,deren Söhne in den Krieg gezogen waren?Und sie wurden deines Krieges Raub …Deutschland ist nicht Wilhelm. –Mahlzeit, Traub!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Ulk Jahrgang 48. Nummer 42. Seite 154, Rudolf Mosse, Berlin, 17. Oktober 1919
Digitalisat
de.wikisource.org — „Saurer Traub“, Fassung 1.171.757 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Kurt Tucholsky

Alle Gedichte von Kurt Tucholsky ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Moderne und Expressionismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.