Schlagsahne
Kurt Tucholsky · 1890–1935
25 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 11. April 1919
Von Theobald Tiger
Wenn früher unsre kecken jungen Damenim Café schwelgten, süß in Süßigkeit:die Sahne war dabei. – Man kennt den Namendavon heut nur noch aus der alten Zeit.Ein klebrig übles Zeug vertritt die wichtigeSchlagsahne; jeder lutscht zwar ganz erpicht –Es sieht auch beinah aus wie jene richtige:allein die gute alte ist es nicht.
Die Politik und so … Ach ja, ihr Lieben!Ich kratz mich tiefbekümmert auf dem Kopf.Du siehst, wie alle, alle etwas schieben.Du siehst, das Kind streikt schon auf seinem Topf.Du siehst die Nebel auf und nieder wabern.Dies Frühjahr macht uns wirklich keinen Spaß.Denn zwischen Lichtenberg und Zabernwankt man so hin und her – ohn Mittelmaß.
Der Friede kommt. Ja, kommt er diesem Lande?Was birgt die Decke, die der Frühling lüpft?Vielleicht gibts auf der Welt noch andre Bandeals jene nur, die unser Kaufmann knüpft.Erlaubt, daß ich die dumme Zeit bezichtige:sie hat und ist nicht Fisch noch Fleischgericht.Sie sieht auch beinah aus wie eine richtige –allein die gute alte ist es nicht!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Ulk Jahrgang 48. Nummer 15. Seite 50, Rudolf Mosse, Berlin, 11. April 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Schlagsahne“, Fassung 1.131.392 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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