Beschluß und Erinnerung
Kurt Tucholsky · 1890–1935
25 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1929
Am 3. Dezember 1928 jährt sich zum zweiten Mal der Todestag Siegfried Jacobsohns
Bei allem, was ich tu und treibe,denk ich an eine starke Hand;die lenkt mich heut noch, wenn ich schreibe,ob auch der Freund uns jäh entschwand.Der Freund – ich nannt ihn dann und wann:den kleinen Mann.
Er war uns viel.Der wollt nicht dämpfen,er packte wuchtig seine Zeit.In Lärm und Streit und lauten Kämpfen;ein Blick - wir wußten gleich Bescheid.Und kämpf ich heut - wie fehlt mit dannder kleine Mann!
Er hat uns vieles hinterlassen:den Dienst am Werk und Schuld und Pflicht.Ich will im Lieben und im Hassenso tun wie er - stets kann ichs nicht.Ich hab mich oft in Zweifeln still gefragt:„Was hätte wohl S. J. dazu gesagt -?“
In seinem Sinn will ich mir Mühe geben:die Wahrheit an das helle Taglicht heben -aus Liebe streiten - in der Stille leben …Das sieht von oben freundlich lächelnd ander kleine Mann.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Das Lächeln der Mona Lisa, S. 383, Rowohlt, Berlin, 1929
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Beschluß und Erinnerung“, Fassung 3.779.631 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.