Brunner
Kurt Tucholsky · 1890–1935
28 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 10. November 1921
Brunner von Theobald Tiger
Ein Amor klopfte an ein Hosentürchen,doch Niemand rief: „Herein!“Und nun entflattert leise das Figürchenund ließ den Mann allein.Der sieht die Nacktheit und geniert sich.Er möcht ja gern der Venus nahn,doch was sich liebt, das konfisziert sich.Es liegt ein Brunner an der Lahn.
Als Knäblein hat er schon – wie an mein Ohr kam –in seinem Bibelband,gezählt, wie oft da „zeugen“ vorkam –und was er sonst noch fand.Die Bilder, die dem Reinen rein sind,verwehrt er heut dem Untertan,stellt fest, wofür wir noch zu klein sind –und denkt, ganz Deutschland liege an der Lahn.
Wer seine Nase nur in Schweinerein steckt,verliert das Gleichgewicht.Wenn auf den Blättern auch die Frau das Bein streckt:uns stört das weiter nicht.Was schert uns frohe und gesunde Esserdenn Seine Impotenz, der Herr Professor!Da soll doch gleich …!Die Putten fliegen.Hell seh ich Aphroditen liegen.Sie lächelt: „Tiger, laß ihn gehn!Er kennt mich nicht. Er hat mich nie gesehn!“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die Weltbühne. Jahrgang 17, Nummer 45, Seite 477, Verlag der Weltbühne, Berlin, 10. November 1921
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Brunner“, Fassung 3.780.689 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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