Briefmarken
Kurt Tucholsky · 1890–1935
22 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1919
Germania, die was auf den bunten Markender Reichspost prangt, hat längst die Nase voll.Sie ist ein Weib. Wir brauchen einen starkenund kräftigen Mann, der künftig prangen soll.So leg ich denn den Finger an die Naseund denke nach: Wer ist der Ehre wert?Herr Chamberlain? Herr Oldenburg? Herr Haase?auf einem Hoppe-Hoppe-Reiter-Pferd?
Doch nehmen wir die Götter aus den Tempeln– zum Beispiel Herrn von Heydebrands Gesicht –,dann traut sich der Beamte nicht zu stempeln;so geht das also nicht.Dieweil man aber jene kleinen Blättchenmit zähem, weichem Klebestoff bestrich:wie wäre es, samt seinen Ordenskettchen,mit Helfferich?
Doch einer noch. Alldeutschlands Schafe bähen,der Schaefer vorneweg: „Ein Bismarck fehlt!“Wer weiß, wenn sie ihn heut regieren sähen …Nun gut. Wenn den die Reichspost wählt?
Der Kopf spricht. Horch! Wie sich die Brauen heben!– „Ihr könnt mich alle auf die Briefe kleben!“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Fromme Gesänge, S. 32, Felix Lehmann, Charlottenburg, 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Briefmarken“, Fassung 3.780.104 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.