Das alte Vertiko
Kurt Tucholsky · 1890–1935
28 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 16. Februar 1926
Das alte Vertikow von Theobald TigerClaire Waldoffn, der Löns-Verehrerin
Zu Haus, in unsrer guten Stube,da stand, gleich neben dem Trümoh,mit einem Griff an jedem Schubeein altes braunes Vertikow.Es war verziert und reich gedrechseltmit Knöpfen, Köpfen weit und breit;den Stil hat Niemand nicht verwechselt:Diß war noch aus der Muschelzeit.
Mir schiens ein Sinnbild unsres Lebens.So kam zu mir in jungem Jahr,leicht schielend, aber nie vergebens,ein Mädchen schön und wunderbar.Ich habe gern mit ihr gemuschelt;und wenn mein kleiner Anton schreit,mit Silberblick sich an mich kuschelt …Der ist noch aus der Muschelzeit.
Das gute Kind! Heut machts noch Faxen,es inkelt mit und ohne p;doch ist der Junge mal erwachsen,dann kommt er in die SPD.Da gibt es Leute, die noch glaubenan Taktik, Maß, Gerechtigkeit …Das will ich ihnen auch nicht rauben.Mein Gott, Ihr seidja so gescheit …Und stammt noch aus der Muschelzeit.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die Weltbühne. Jahrgang 22, Nummer 7, Seite 272, Verlag der Weltbühne, Berlin, 16. Februar 1926
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das alte Vertiko“, Fassung 2.229.096 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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