Berliner Sonntag
Kurt Tucholsky · 1890–1935
43 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 17. November 1921
Berliner Sonntag von Theobald Tiger
Und Gott schickt über uns das Wochenende.Da legt Berlin in manchen Schoß die Händeund ruht sich aus.Herr Stegerwald dehnt sich in seinen Kissen –heut braucht er weniger noch als einst zu wissenvom Landtagshaus.Nur Geßler will die Wochenarbeit machen:und schlummert sanft. Und alle Leutnants lachen.In eine Judenfahne siehst du schneuzenHerrn Wulle – und er ruht auf Hakenkreuzen.Kein Pressechef hat heut zu tun.Die Enten quaken fern:Am heiligen Sonntag sollst du ruhn –Dies ist der Tag des Herrn!
Und alle Rot’ers sind zum Lunch versammelt.Denn ihre Läden sind mit Recht gerammeltund proppenvoll.Wer möchte sonntags Mime in Berlin sein?Selbst Bassermann muß zwei Mal auf dem Kean sein –verdammt, Apoll!Hollaender spricht, bis sich Amt Norden heiß läuft.Der dicke Nelson spielt, bis ihm der Schweiß läuft.Die Kinos schnurrn, daß sich die Kassen biegen.Die blonde Emmy bleibt im Bett gleich liegen.Denn zu viel Liebe macht immun,und deshalb schläft sie gern.Am heiligen Sonntag sollst du ruhn –Dies ist der Tag des Herrn!
In allen Häusern pruzzelt Mittagessen.Das Stück Emilie hat das Obst vergessen –die Hausfrau tobt.Und unter ihren Tisch mit Sauersüßestreckt die Familie ihre großen Füße -Gott sei gelobt!Max schreit, weil Susi Onkel Hans verteidigt,die Tante Lo ist überhaupt beleidigt …Die Stimmung wächst mit jedem Widerstande;hier siehst du, was das heißt: Familienbande.So feiert diese Menschheit nunauf unserm Erdenstern …Am heiligen Sonntag sollst du ruhn –Dies ist der Tag des Herrn!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die Weltbühne. Jg. 17, Nr. 46, S. 510, Verlag der Weltbühne, Berlin, 17. November 1921
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Berliner Sonntag“, Fassung 1.221.607 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.