Berliner Verkehr
Kurt Tucholsky · 1890–1935
27 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 5. Oktober 1926
Berliner Verkehr von Theobald Tiger
Bezüglich dem Berliner Verkehr steht an jeder Ecke ein Mann, der müllertund hält alle Autos und Kinderwägen und Invaliden auf Rollen an.
Weiße Handschuhe heben sich, Lampen blinken, Signale blitzen,während gelangweilte Fahrgäste in den Wagen sitzen,auch haben wir leuchtende Schildkröten, bitte sehr –und das Einzige, das uns noch fehlt, ist der Verkehr.
Aber wo nichts ist, haben nur S. M. der Kaiser das Recht verloren,nicht aber wir deutschen Organisatoren –denn ist auch unser Wagenpark noch so klein:organisiert muß sein.
Es läßt uns, nicht ruhen.Und genau so, wie wir dies tun,wie wir den nicht vorhandenen Verkehr in Klein-Rülpsig und Groß-Berlin befestigen und organisieren,regierenwir im ganzen Lande umher.Das deutsche Leben gehört dem Aktenverkehr.
Wir organisieren Kleinkinder-Gärten und das Groß-Hamburger Hafenlogis,den Radiumverbrauch auf dem Lande, den Weinbau in Ostpreußen sowieAufzucht von Ammen und Seidenraupen im Spreewald, auch desgleichenden Wohnungsbau und die Reform der Aktenzeichen.
Sinn hat unser Tun keinen, in allen Fällen.Wir sind so, wie wir uns die Amerikaner vorstellen.Wir sind nicht mehr Posen, noch nicht Amerika,sondern stehen inmittenbeider in emsiger Leere da,halten den Verkehr auf und uns für sehr fortgeschritten.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die Weltbühne. Jahrgang 22, Nummer 40, Seite 545, Verlag der Weltbühne, Berlin, 5. Oktober 1926
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Berliner Verkehr I“, Fassung 996.295 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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