Bei näherer Bekanntschaft
Kurt Tucholsky · 1890–1935
28 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1929
Praesentia minuit famam
Von ferne gleichen die Großen im Geistden Göttern, den hehren.Solange du nichts von ihnen weißt,kannst du sie verehren.Doch hast du mit Deutschlands Musenprachterst nähere Bekanntschaft gemacht,dann schick deine Illusionen man pennen:Du mußt sie nicht kennen! Du mußt sie nicht kennen!
Der flicht an der alten Griechen Stattdie tragische Kette –doch verreißt ihn das Nordhausener Tageblatt,dann fällt er aus’t Bette.Der meckert im Alter wie ein Bockund kriecht einer Tänzerin unter den Rock.Und was sie an Damen ihr Eigen nennen:Du mußt sie nicht kennen! Du mußt sie nicht kennen!
Denn mit etwas hat Gott sie schön angeschmiert:mit ihren Frauen.„Mein Mann, mein Mann!“Dergleichen blamiert:ein Weibstück, scheeläugig und verschmiert,in den himmlischen Gauen.Der sitzt in der Höhle, ein krötiger Greis,der spricht nur von sich, weil er sonst nichts weiß …Von weitem! Laß sie am Himmel brennen!In Büchern und an Rundfunkantennen …Aber: Du mußt sie nicht kennen! Du mußt sie nicht kennen!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Das Lächeln der Mona Lisa, S. 362, Rowohlt, Berlin, 1929
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Bei näherer Bekanntschaft“, Fassung 3.779.620 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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