Berliner Gerüchte
Kurt Tucholsky · 1890–1935
26 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1919
Herr Meyer, Herr Meyer – und hörst du es nicht,Das wilde, das grause, des dumpfe Gerücht:Ein Licht!Ein Licht in der russischen Botschaft!
Und da, wo ein Licht, da ist auch ein Mann,und der sitzt an einem Vertrage dran,beim Licht in der russischen Botschaft.
Und das Licht geht manchem Politiker auf;es strömet das Volk, es rennet zuhaufzum Licht in der russischen Botschaft.
Und einer zum andern geheimnisvoll spricht:„Da ist was im Gange – ja, sehn Sie’s denn nicht,das Licht in der russischen Botschaft?“
Es erbrausen die Linden! „Berennet die Tür!“Ein Schutzmann hält seinen Bauch dafürvor das Licht,das Licht in der russischen Botschaft.
Sogar ein geheimer Studienratsagt die Information, die er bei sich hat,vom Licht in der russischen Botschaft. –
Und drin spricht der Klempner im öden Saal:„Du hör mal, Maxe, Du kannst mir maldie Ölkanne ribajehm!“
Dann gehen die beiden geruhig nach Haus,nach dem Stralauer Tor – und das Licht löscht aus,das Licht in der russischen Botschaft.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Fromme Gesänge, S. 34, Felix Lehmann, Charlottenburg, 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Berliner Gerüchte“, Fassung 3.781.032 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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