Berliner Fasching
Kurt Tucholsky · 1890–1935
25 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1919
Nun spuckt sich der Berliner in die Händeund macht sich an das Werk der Fröhlichkeit.Er schuftet sich von Anfang bis zu Endedurch diese Faschingszeit.
Da hört man plötzlich von den höchsten Stufender eleganten Weltgesellschaft längsder Spree und den Kanälen lockend rufen:„Rin in die Escarpins!“
Und diese Laune, diese Grazie, weißte,die hat natürlich alle angesteckt;die Hand, die tagshindurch Satin verschleißte,winkt ganz leschehr nach Sekt.
Die Dame faschingt so auf ihre Weise:gibt man ihr einmal schon im Jahr Lizenz,dann knutscht sie sich in streng geschlossnem Kreise,fern jeder Konkurrenz.
Und auch der. Mittelstand fühlts im Gemüte:er macht den Bockbierfaßhahn nicht mehr zu,umspannt das Haupt mit einer bunten Tüteund rufet froh: „Juhu!“
Ja, selbst der Weise schätzt nicht nur die hehrePhilosophie: auch er bedarf des Weins!Leicht angefüllt geht er bei seine Claire.Berlin radaut, er lächelt …Jeder seins.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Fromme Gesänge, S. 81, Felix Lehmann, Charlottenburg, 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Berliner Fasching“, Fassung 3.790.724 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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